EisfunkeForum

SP078: Arbeitszeit

Moin zusammen,

ich hatte dann diesmal nach dem Hören doch noch etwas Diskussionsbedarf:

1. Arbeitszeit und ProduktivitÀt
Ihr seid - zumindest am Anfang der Folge - auch in die Falle getappt Arbeitszeit als PrÀsenz auf der
(oder zumindest VerfĂŒgbarkeit fĂŒr die) Arbeit zu definieren. Mindestens als Informatiker:in aber eher auf den Großteil der Arbeitnehmerschaft angewandt trifft das nicht mehr zu. Mein Gehirn arbeitet nicht nach der Stechuhr sondern dann wenn es will. Sicherlich kann man sich durch Habitus ein bisschen dazu bringen das ein wenig in ĂŒbliche Zeiten zu lenken, aber es kommt durchaus vor, dass ich spĂ€t Abends (also weit außerhalb meiner “Arbeitszeit”) eine gute Idee habe die ich dann auch schon mal etwas ausformuliere. Das war auch schon zu Zeiten so als ich noch regulĂ€r in einer Firma einer regulĂ€ren Durchschnittserwerbsarbeit nachging. Das liegt vermutlich daran, dass ich mich nicht als produzierender Arbeitnehmer sehe. 
 also das Schema Produktion (gerne am Fließband) wo Arbeitzeit in einer direkten Verbindung mit Ergebnis steht (z.B. Dinge pro Stunde). So funktioniert es aber heute oft nicht mehr. Unser Modell fĂŒr Arbeit ist aber immer noch da gefangen und wir haben irgendwie noch kein Besseres gefunden. Von daher ist die AbwĂ€gung von FlexibilitĂ€t und Selbstschutz im Arbeitsrecht ein Thema mit dem wir uns vermehrt beschĂ€ftigen.

2. Gleiche freie Tage fĂŒr Alle
Der freie Sonntag (und Samstag) fĂŒr Alle war leider schon immer eine Illusion. Denn wer öffnet denn das Schwimmbad am Samstag und wer kocht und serviert das ĂŒppige Brunch am Sonntagmittag das man sich nach der harten Arbeit unter der Woche so verdient hat? Klar ist es unschön, die einzige Person im Freundeskreis zu haben, die heute mal nicht arbeiten muss. FĂŒr Menschen aus der Gastronomie aber absolut normal. Ich denke aber da finden wir als Gesellschaft schon Wege der Koordination und des Ausgleichs. Das muss meiner Meinung nach nicht so festgelegt sein. Ich fĂ€nde es eher fair, wenn der Gastronom an seinem freien Montag vielleicht auch mal was mit seiner Familie unternehmen kann, weil die dann da auch mal frei hat.

3. Manager mit PrÀsenzfetisch
Das Problem ist hier meiner Meinung nach nur bedingt, dass hier die eigene Rolle angezweifelt und damit auf Mitarbeiter projiziert wird, sondern, dass Heimarbeit fĂŒr Manager mit einem enormen Kontrollverlust verbunden ist. Es kommt das GefĂŒhl auf es wĂŒrde einem entgleiten, wenn man nicht stĂ€ndig “nachjustiert”. Das ist zu einem StĂŒck weit nachvollziehbar, kommt aber aus einer Gedankenwelt die in etwa so geht: Ich bin der Manager und weiß daher am besten wie das zu machen ist, ansonsten wĂ€re ich ja nicht der Manager. Diese Gedankenwelt kann man interessanterweise bereits sehen, wenn man sich ein studentisches Softwareprojekt anschaut. Es gibt da hĂ€ufig die Person, die am Anfang in die Managerrolle fĂ€llt und dann genau in diesen Single-Hero-Mythos reintappt. Ehrlich gesagt: Da war ich auch mal. Effektive FĂŒhrung funktioniert aber genau anders herum. Die Illusion von Kontrolle aufrechtzuerhalten ist anstrengend und kontraproduktiv und das fĂŒr alle Beteiligten. Es ist aber immer noch der gerne gepflegte FĂŒhrungsmythos. Daher finde ich eine restriktive Heimarbeits-Regelung eher so eine Red-Flag in einem Beruf wie dem unseren. Es ist ein Anzeichen einer Kultur des Misstrauens - und ob man da arbeiten sollte (wenn man es sich denn aussuchen kann) ist doch eher fraglich. Außer man mag genau das
 Gibts auch.

Mich wĂŒrde interessieren, wie ihr dazu steht.

2 Likes

Vielen Dank fĂŒr das Feedback! Gute Punkte, die ich mal in den selben Schritten wie Du durchgehe.

Arbeitszeit und ProduktivitÀt

An sich richtig, Arbeitszeit und ProduktivitĂ€t hĂ€ngen nur eingeschrĂ€nkt zusammen. Das ist ja auch der Kern unserer Argumentation spĂ€ter in der Folge: ProduktivitĂ€t muss durch Arbeitszeitreduktion gar nicht unbedingt stark sinken, wie so oft gewarnt wird. In einer Dienstleistungsgesellschaft wo man, wie Du auch meintest, ProduktivitĂ€t nicht in Dinge pro Stunde rechnen kann, ist Konzentration der entscheidende limitierende Faktor fĂŒr ProduktivitĂ€t. Und Konzentration ist pro Tag fĂŒr den durchschnittlichen Menschen auf unter 8h limitiert. Anwesenheit und VerfĂŒgbarkeit ist also nicht gleich ProduktivitĂ€t.

Dennoch ist es m.M.n. erstmal richtig, Arbeitszeit auf Basis von PrĂ€senz oder dem Sitzen vor dem PC zu definieren. Denn solche Zeit ist eben definitiv Zeit, die man fĂŒr andere Sachen definitiv nicht hat. In dem Sinne ist Arbeit quasi die Negierung von Freizeit. Das ist m.M.n. auch das einzig sinnvolle Maß im Kontext von Work-Life-Balance und solchen Fragen. Mir als Mensch ist dabei ja erstmal egal, wie und wann ich produktiv bin, sondern es geht mir darum, wie viel Zeit ich nicht frei gestalten kann.

Andere Perspektive: In einer Utopie ohne SachzwĂ€nge, wo alles gratis ist weil genug da ist, wĂŒrden die allermeisten Leute sich trotzdem mit etwas “produktiv” betĂ€tigen. Hoffentlich viele im selben Bereich, in dem sie auch in der realen Gesellschaft arbeiten. Dennoch wĂŒrde ich das nicht als Arbeitszeit begreifen, weil es frei, ohne ZwĂ€nge und nach dem eigenen Willen gestaltete Zeit ist. Es geht mir beim Thema Arbeitszeit also sozusagen um eine Verteidigung der Freizeit (als Nicht-Arbeitszeit) gegen VerwertungsansprĂŒche von Arbeitgebenden.

Hier kann man auch anknĂŒpfen an mein Problem mit dem Klischee des Startups, bei dem Arbeit nicht nur ein Beruf ist, sondern eine Berufung! Wo alle eine Familie sind und an einem Strang ziehen! Hier wird nĂ€mlich nicht nur ein Anspruch auf die Arbeitskraft und -zeit der Arbeiter*in gestellt, sondern auf das ganze Dasein, die ganze IdentitĂ€t.

Siehe auch die Frage nach dem Pendeln: Da ist man ĂŒblicherweise nicht produktiv, aber es ist halt dennoch Zeit, die einem fĂŒr andere Dinge, Entspannung und den Kopf freikriegen fehlt, von der letztendlich der Arbeitgeber profitiert. Bei VerfĂŒgbarkeit ist es ganz Ă€hnlich, wenn ich 24/7 auf Abruf bin, bin ich natĂŒrlich noch lange nicht 24/7 produktiv, aber dennoch ist das psychisch belastend.

Am Ende ist da wohl in der Tat vieles eine AbwĂ€gung zwischen FlexibilitĂ€t und Schutz, insbesondere auch Schutz der Freizeit. FlexibilitĂ€t ist wichtig, kann aber als Deckmantel fĂŒr Ausbeutung verwendet werden, und Schutz ist auch wichtig, kann aber in der Tat auch viele Arbeitende einschrĂ€nken. Siehe Ideen am Abend. Da habe ich auch keine perfekte Lösung fĂŒr, außer ganz allgemein Arbeitnehmende und Arbeitgebende auf Augenhöhe zu bringen, da haben wir ja auch ne eigene Folge zu. Mittelfristig wird das aber wohl nicht mehr passieren.

(Sorry, da bin ich zwischenzeitlich ein klitzekleines bisschen vom Thema Arbeitszeit/ProduktivitÀt abgekommen, aber das wollte ich jetzt auch nicht wieder löschen, da wird bestimmt nochmal eine ganze Folge drauf aufgebaut :smiley:)

Gleiche freie Tage

Das ist natĂŒrlich korrekt. Ich denke aber nicht, dass der Versuch falsch ist, nur weil er nicht perfekt umsetzbar ist. Z.B. dadurch, dass der Einzelhandel hierzulande Sonntags geschlossen haben muss, haben tausende Arbeitende einen freien Tag gleichzeitig mit großen Teilen der restlichen Gesellschaft. Das ermöglicht viel Teilhabe, die sonst erschwert wĂ€re.

Das war auch unser Punkt, dass es nicht falsch ist, da gesetzlich eine gewisse Synchronisation herzustellen. Das sollte nicht zu weit gehen, FlexibilitĂ€t z.B. fĂŒr Familien von Gastronomen sich auch mal Montag statt Samstag freizunehmen sollte natĂŒrlich trotzdem gegeben sein, dass man nicht fĂŒr 100% der Menschen die exakt selben zwei Tage als frei festlegen kann und sollte, ist richtig, da stimme ich zu.

PrÀsenzfetisch

Da wĂŒrde ich auch insgesamt zustimmen. Ich wĂŒrde aber dennoch dabei bleiben, dass die Reaktion auf einen solchen Kontrollverlust auch entlarvend sein kann. Wenn ich online Manager lese die schimpfen “zu Hause arbeiten die eh alle nicht!”, sehe ich da natĂŒrlich primĂ€r Misstrauen. Auch ein bisschen “wo kĂ€men wir denn da hin, das haben wir ja immer schon so gemacht, da könnte ja jeder kommen”, aber auch durchaus Trotz und Verweigerung gegenĂŒber dem schlichten Fakt, dass die Leute zu Hause ja eben doch arbeiten, auch mit weniger Überwachung.

1 Like